Hörverständnis


Tipps zum Trainieren des Hörverstehens

 

Jeder Lerner hat an irgend einer Stelle Probleme, die neue Sprache, wenn sie von jemand anderem gesprochen wird, zu verstehen. Ich kann ziemlich viele Lieder davon singen, da ich diese Probleme bei allen Fremdsprachen, die ich gelernt habe, ganz schön lange hatte. Hören ist offenbar anfangs nicht so mein Talent.

 

norwegisches Hörverständnis

 

Natürlich ist es sinnvoll, so oft wie möglich überall und immer wieder zu hören, hören, hören. Davon allein wird man aber nicht plötzlich Profi. Dass wir schlecht verstehen, liegt nämlich größtenteils daran, dass unser Gehör sich auf die falschen Details konzentriert, und das müssen wir ihm abgewöhnen.

 

Abgesehen von den zahlreichen und teils wirklich richtig schwer zu verstehenden Dialekten des Norwegischen (dazu weiter unten mehr) liegt, so glaube ich, das Hauptproblem bei mangelndem Hörverständnis u. a. darin, dass wir bei einer fremden Sprache die Wortgrenzen gar nicht heraushören und deshalb in unbekannten Passagen nicht so leicht identifizieren können, wie viele Wörter das gerade waren und somit erst recht nicht, welche. Wir hören dann stellenweise ein großes Kuddelmuddel und wissen nicht mal, was wir im Wörterbuch suchen müssten, um es zu entschlüsseln. Das wiederum liegt daran, dass unser Wortschatz zu Beginn natürlich stark begrenzt ist und wir automatisch die Antennen nach den wenigen uns bekannten Wörtern ausfahren - oft etwas erfolglos. Was also tun?

 

 

~ Lesen lernen ~

 

Richtig: lesen, lesen, lesen. Und Unbekanntes nachschlagen und abspeichern. Ganz wichtig: Je mehr Wörter man kennt, desto mehr Wörter ERkennt man beim Hören - logisch, oder? Aber das geht leider nicht bis übermorgen, sondern braucht ein Weilchen.

 

Sinnvoll sind hierfür sicherlich Pläne wie 'Jeden Tag ein norwegischer Zeitungsartikel', was sich auf Dauer im Umfang gern steigern darf. Anfangen kann man prima mit Klartale, weiter geht es vielleicht mit NRK oder TV2. Später sind Wikipedia-Artikel, Reportagen und andere längere Texte empfehlenswert, da dort die Sprache normaler wird und auch mal "normalsprachliche" Zitate vorkommen, so dass einem umgangssprachliche und typische gesprochene Ausdrücke begegnen. Und eines Tages geht schon ein Buch, "Karius og Baktus" vielleicht. :-)

 

Phrasen, die Heinzelnisse nicht kennt, kennt u. U. das Bokmålsordbok, nicht notwendigerweise als extra Eintrag, aber vielleicht in der Beschreibung unter einem der Wörter, aus denen sie bestehen (Strg+F). Wenn auch das zu keinem Erfolg führt, googlet den Ausdruck und schaut, ob ihr aus den Ergebnissen im Zusammenhang die Bedeutung erschließen könnt. Was sich hier wie ein elendig langer Prozess anhört, ist Sprachtraining pur, und Wörter, die man so mühsam erarbeitet hat, bleiben auch hängen!

 

Hier findet ihr übrigens allerhand Tipps zum erfolgreichen Vokabelnlernen!

 

 

~ Hören lernen ~

 

Wird das Lesen also permanent geschult und das Vokabular erweitert, geht es mit norwegischem Internet-Radio weiter, das ihr zunächst nur als Hintergrundberieselung laufen lassen könnt, wann immer es euch möglich ist. Die NRK-Auswahl ist ganz gut sortiert, in die Nachrichten, Naturberichte oder das Radiotheater kann man gut mal reinhören. Zusätzlich bieten sich einfache Hörbücher beim Auto-/Zugfahren an (ich bin Fan von Kinderbüchern, weil die Sprache dann leichter ist, und mein Allzeit-Favorit ist "Folk og røvere i Kardemomme by" von Thorbjørn Egner). Falls ihr nicht in absehbarer Zeit auf Norwegen-Einkaufstour fahrt, schaut auf Discogs, dort gibt es gebrauchte CDs aus aller Welt oft ganz günstig, oder sucht auf Youtube nach "lydbok" - da gibt's auch eine Menge.

 

Je mehr und öfter ihr euch mit dem Klang der Sprache und unterschiedlicher Dialekte vertraut macht, desto schneller hört ihr heraus, was gesagt wird. Alles Gewöhnungssache, und, wie gesagt, zeitintensiv. Praktisch finde ich dazu die P3-Dokus, da man die Artikel lesen UND hören kann. Anfangen würde ich mit erst lesen, dann hören, da der Hörerfolg größer ist, wenn man weiß, welchen Inhalt man erwarten kann. Klappt das gut, dreht man die Reihenfolge um und hört zuerst und testest dann im Lesedurchgang, ob man alles verstanden hat.

 

Bevor ihr euch an Spielfilme und Serien wagt - das ist tatsächlich z. T. schwierig (vgl. z. B. die "Slang"-Jugendsprache in der Erfolgsserie SKAM) -, hört in Sachen rein, bei denen grundsätzlich Wert auf deutliches Sprechen gelegt wird. Dokus/Reportagen sind da ganz gut, also der Sprecher im Hintergrund, nicht unbedingt die interviewten Personen. Im riesigen NRK-Fundus gibt es viele Beiträge mit (ausblendbaren) Untertiteln zum Mitlesen, was das Hörverständnis durchaus trainieren kann. Möglicherweise benötigt ihr ein Browser-Plugin (z. B. "Modify Headers" für Firefox und Chrome), um den ländercodierten Inhalt sehen zu können, oder ihr beschränkt euch auf die im Ausland frei zu emfangenden Sendungen. Ebenso finde ich Nachrichten und Talkshows angenehm, Kindersendungen können für den Anfang cool sein, und vieles weitere ist in diversen Mediatheken oder auf Youtube zugänglich.

 

 

~ Mit Musik lernen ~

 

Da ich selbst großer Fan norwegischer Musik bin, bin ich auch fest davon überzeugt, dass dort riesiges Lernpotenzial schlummert. Natürlich gibt es für jeden Geschmack etwas, einfach mal stöbern, Youtube, Soundcloud, Spotify, Deezer, wo auch immer, und dann eine Weile gut zuhören. Wenn man ein Lied wirklich mag, will man auch wissen, was da gesagt wird, googlet den Text und macht sich idealerweise Gedanken dazu. Hört noch genauer hin. Und sucht nach weiteren, ähnlichen Stücken. Und irgendwann geht das Textverständnis dann sogar von selbst. Musiktipps gebe ich gern im Sprachunterricht, aber vielleicht schreibe ich auch irgendwann mal einen Artikel dazu.

 

 

~ Dialekte lernen ~

 

Aber nun zum nächsten, riesengroßen Problem vieler Norwegischlerner: Dialekte. Ein wenig Dialektbewusstsein von vorn herein ist auf jeden Fall klug, damit ihr einige Wörter leichter erkennt. Vielleicht klickt ihr euch mal durch die umfangreichen Dialekt-Aufzeichnungen des "Nordavinden og Sola"-Projektes (klickt dort auf "Kart" oder "Liste"), um eine erste Idee von dem beeindruckenden Klangspektrum des Norwegischen zu bekommen, oder lauscht "Sagnet om Torghatten" in 8 Varianten. Und dann nehmt euch diese Daumenregeln (Achtung: wirklich grober Daumen!) zu Herzen:

 

Viele Dialekte verwenden k(v)- anstatt hv-, also bei den Fragewörtern 'hva' = 'ka', 'hvor' = 'kor', 'hvem' = 'kem', 'hvorfor' = 'koffor' usw., oder der Farbe 'hvit' = 'kvit'. Darüber hinaus kann 'hvordan' nicht nur 'kordan' sein, sondern auch 'korleis', 'korsn', 'koss' oder gar 'åssn' (Oslo). 'når' tritt im Norden als 'katti'/'katid' und im Westen als 'kortid' auf.

 

Die Pronomen unterscheiden sich stark, 'jeg' kann so ungefähr alles sein, z. B. 'eg', 'æ', 'i', 'ji', ... Das Pronomen 'hun' taucht als 'ho' und 'hu' auf; 'vi' ist im Westen 'me', andererorts auch 'øss'; 'dere' hat Formen wie 'dokker', 'dokk' oder 'dykk'.

 

'ikke' begegnet einem als 'ikkje', 'itj', 'itte', ...

 

Die Präposition 'av' findet man u. a. als 'ta' und 'tå'; 'til' heißt gern mal 'te'; 'fra' gibt es auch als 'frå'.

 

Weitere häufig vorkommende Regionalismen:

'se' = 'sjå', 'selv' = 'sjøl', 'vet' = 'veit', 'komme' = 'kjem', 'i morgen' = 'i morra' und sehr, sehr viele mehr.

 

Es gibt tausende anderer Beispiele, aber wenn ihr diese Grundlagen verinnerlicht, seid ihr ein gutes Stück weiter und müsst euch bei unbekannten Klängen weniger wundern.

 

Obacht ist zudem besonders bei R-rollenden Dialekten angesagt: Ihr wisst: r + s = "sch" (vgl. den Blog-Artikel zum Thema R). Bedenkt also: "Devaschomgunnascha" = 'Det var som Gunnar sa.' ('Es war, wie Gunnar gesagt hat.') Das "sch" entsteht auch über Wortgrenzen hinaus - var + som = "vaschom", Gunnar + sa = "Gunnascha". Es bedarf einfach ein wenig Zeit, bis das deutsche Gehirn solche Worthäufungen problemlos decodieren kann!

 

 

~ Noch mehr Hilfen fürs Hörverständnis ~

 

Es gibt nicht den Trick, mit dem man plötzlich alles versteht. Hilfreich ist es aber auf jeden Fall, wenn man weiß, welche Laute und Konstruktionen man beispielsweise erwarten kann, denn dann verwirren die vielen eventuell unbekannten Worte nicht so sehr und man muss weniger entschlüsseln.

 

Typisch im gesprochenen Norwegisch sind zusammengezogene Formen wie 'hakke' (= 'har ikke'), 'ække' (= 'er ikke'), 'kanke' (= 'kan ikke'), 'skakke' (= 'skal ikke') usw. Daran muss man sich natürlich erst einmal gewöhnen.

 

Was viele beim Hören etwas vergessen (aber garantiert aus den Lehrbüchern kennen) sind a-Endungen. Und zwar nicht die bei bestimmten ei-Wörtern (Feminina) in der Einzahl, wie z. B. 'døra' - 'die Tür', 'boka' - 'das Buch', 'hytta' - 'die Hütte', sondern

 

1.) die bei der bestimmten Mehrzahl von et-Wörtern (Neutra) wie 'husa' (anstatt 'husene') - 'die Häuser', 'orda' (anstatt 'ordene') - 'die Wörter', 'språka' (anstatt 'språkene') - 'die Sprachen'. Die treten gesprochen häufig auf.

Ebenso gibt es Regionen, in denen die bestimmte Mehrzahlendung '-an' lautet: 'husan', 'ordan', 'språkan', was aber auch en- und ei-Wörter wie 'oppgavan' ('die Aufgaben'), 'tekstan' ('die Texte') oder 'båtan' ('die Boote') betrifft.

 

2.) die Präteritums- und Perfektendung der Verben der Gruppe 1, die wir standardmäßig als -et lernen. Gesprochen wird oft 'dansa' anstelle von 'danset' ('tanzte'/'getanzt'), 'snakka' anstatt 'snakket' ('sprach'/'gesprochen'), 'håpa' für 'håpet' ('hoffte'/'gehofft') 'jobba' und nicht 'jobbet' ('arbeitete'/'gearbeitet'), 'laga' anstelle von 'laget' ('machte'/'gemacht') und so weiter. Alle Verben der Gruppe 1 dürfen - auch geschrieben! - diese Endungen annehmen, bitte gut merken oder wenigstens nicht wundern.

 

Eine weitere hörtechnisch evtl. komplizierte Sache kann die sog. Satzspaltung/utbrytning sein. Wo wir auf Deutsch für eine Information, die wir besonders hervorheben wollen, die entsprechenden Wörter einfach stärker betonen, fügt der Norweger einen kleinen Relativsatz ein:

'WER hat morgen Geburtstag?' - 'Hvem er det som har fødselsdag i morgen?' ('Wer ist es, der morgen Geburtstag hat?')

'WAS hast du gesagt?' - 'Hva var det du sa?' ('Was war es, das du gesagt hast?')

'Wir wollten uns UM ZEHN treffen.' - 'Det var kl 10 at vi ville møtes.' ('Es war um zehn, dass wir uns treffen wollten.')

Ihr seht, das sind im Vergleich zum Deutschen viel mehr Wörter, d. h. man muss mehrere gehörte und schlimmstenfalls ja sehr schnell gesprochene Informationen verarbeiten, und das kann anfangs schwierig sein.

 

Gewöhnungsbedürftig, wenn auch aus dem Englischen bekannt, ist auch die Tatsache, dass in vielen Satzkonstruktionen die Präposition ganz hinten steht. Das muss man beim Hören natürlich berücksichtigen. 'Hvor kommer du fra?' klingt noch normal, weil es seit der ersten Unterrichtsstunde bekannt ist. Hingegen 'Dette er låta jeg er mest glad i', 'Hvem skal du på ferie med?' oder 'Det ble det ikke noe av' wirken etwas fremd. Wenn man's weiß, kann sich das Gehör aber nach und nach drauf einlassen.

 

Außerdem ist das Gesprochene - wie auch bei uns - voller unnützer und oftmals nur dazwischengenuschelter Füllwörter, die wir beim ersten Hören in der Regel nicht einordnen können: 'liksom'/'lissom', 'på en måte' (= 'irgendwie', 'quasi', 'sozusagen'), 'nok', 'vel' (= 'wohl', 'schon'), 'fordi at' (anstelle von einfach 'fordi'), 'jammen', 'jaggu' (= 'aber wirklich'), 'altså' (für den Nachdruck an einen Satz anhängbar), 'da' (= 'denn', 'dann', 'doch'), … Da müssen wir also erst lernen, zu entscheiden, welche wir gefahrlos überhören dürfen.

 

Und: Aus einem Satz, der mit 'Nei men/altså ...' beginnt, muss nicht unbedingt eine Negation werden. Der Ausdruck scheint ein sehr geläufiger Anfang zu sein, um Zeit für weiteren Überlegungen zu schinden.

 

Kurzum: Das Sprachbewusstsein braucht Training. Schaut euch mal die kleinen Sprachwitze in der Absurdgalleri an. Da geht es oft um Doppeldeutigkeiten oder den ähnlichen Klang zweier Wörter, und einige sind wirklich ganz lustig. So wird euch direkt vor Augen und Ohren geführt, was ihr da sprechen und hören müsstet, damit es lustig ist. Klingt bescheuert, trägt aber, wie gesagt, zum Sprachbewusstsein bei. Wenn ihr einen Ausdruck nicht kennt und nachschlagt, bleibt er außerdem in Verbindung mit einem Comic vielleicht leichter im Gedächtnis.

 

 

~ Nøtteskall ~

 

  • Durch viel, viel Hören gewöhnt ihr euch an den Klang der Sprache, auch wenn ihr nicht alles oder sogar kaum etwas versteht!
  • Informiert euch grob über Dialektwörter und -klänge!
  • Seid euch auch morphologischer und syntaktischer Besonderheiten des Norwegischen bewusst!
  • Trainiert, trainiert, trainiert! Zeit ist - leider - die magische Zutat, die kein Lehrer ersetzen kann.

 

 

Habt ihr noch mehr Tipps? Was hilft euch oder hat euch beim Lernen und Verstehen am meisten geholfen? Womit kommt ihr vielleicht gar nicht klar? Welche wichtigen Links sollten noch erwähnt werden? Hinterlasst supergerne eure Kommentare zum Thema!

 

 



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Kommentare: 1
  • #1

    Laura-Katharina (Dienstag, 17 Mai 2016 18:53)

    Hei hei Catharina,

    tusen takk! Das sind sehr nützliche Tipps!

    Ha det bra :)