Possessivpronomen


Heißt es sin, sitt, sine? Oder hans, hennes, deres?

Viele Lerner haben große Probleme, die Possessivpronomen für die 3. Personen richtig zu wählen. Einmal gibt es hans/hennes/deres, dann sin/si/sitt/sine. Wann nimmt man denn nun welches? Wem muss eigentlich was gehören? Ist das sein eigenes oder das eines anderen? Und sind das nicht sowieso nur bürgerliche Kategorien? Hilfe!

 

Die Regeln sind überraschend einfach, doch in vielen Lehrbüchern schrecklich verwirrend dargestellt. Ich versuche hier mal, sie zu entwirren und so simpel wie möglich zu erklären. Dabei drehe ich die Überlegungsreihe um, was das Verständnis normalerweise stark erleichtert.

Possessivpronomen Norwegisch sin sitt sine hans hennes deres

Mit nur zwei Überlegungen können wir nämlich herausfinden, welche Form des Possessivpronomens wir benötigen, und von diesen Regeln gibt es keine (!) Ausnahme:

 

1. ) IST es das Subjekt, TUT es etwas, können wir es mit „WER oder was?“ erfragen?

Ja → hans/hennes/deres

 

(sin/si/sitt/sine steht NIE IM SUBJEKT!!!)

Nein → 2.) GEHÖRT es dem Subjekt?

a) Ja → sin/si/sitt/sine

b) Nein → hans/hennes/deres

Fertig ist die Luzi. Mit dieser Tabelle liegt ihr immer richtig, mehr müsst ihr nicht wissen. Wirklich nicht! Wem das genügt, bitte sehr. Wer auf Hintergrundinfos und Beispiele steht, sollte allerdings weiterlesen!

Erklärungen:

Natürlich müsst ihr dieses Schema korrekt lesen können. Diese Erläuterungen und Beispiele zu den Fällen 1.)-hans/hennes/deres, 2.a)-sin/sitt/sine und 2.b)-hans/hennes/deres aus der Tabelle helfen euch dabei.

1. ) IST es das Subjekt, TUT es etwas, können wir es mit „WER oder was?“ erfragen?

Ja → hans/hennes/deres

→ Geschlecht und Anzahl richten sich nach seinem Besitzer:

gehört einem Mann* = hans

gehört einer Frau* = hennes

gehört mehreren = deres

 

Beispiele:

 

Er dette bilen hans? (Wer/was ist?)

- Nei, bilen hans står der borte. (Wer/was steht?)

I dag kommer venninna hennes på besøk. (Wer/was kommt?)

Barna deres leker i hagen. (Wer/was spielt?)

 

Merke: sin/si/sitt/sine steht NIE IM SUBJEKT!!!

 

Sobald wir die Frage nach dem Subjekt bejaht haben, ist die Frage „Ist das nun sein/ihr EIGENES …?“ absolut verboten, weil sie gar nicht hier hingehört und nur verwirrt! Streichen! Sofort!

Nein → Es ist also ein Objekt, wir können es mit „WEN/WEM oder was?“ erfragen.

Erst und NUR hier machen wir den Unterschied, wem dieses Objekt gehört:

2.) GEHÖRT es dem Subjekt?

a) Ja → sin/si/sitt/sine

→ Geschlecht und Anzahl richten sich nach dem Objekt selbst:

ist es ein en-Ding = sin

ist es ein ei-Ding = si

ist es ein et-Ding = sitt

sind es mehrere Dinge = sine

Hier ist es egal, ob es einem Mann*, einer Frau* oder mehreren Personen gehört!

 

Beispiele:

 

Ola parkerer bilen sin. (Wen/was parkt das Subjekt? → eigenes Auto )

I dag besøker Line venninna si. (Wen/was besucht das Subjekt? → eigene Freundin)

Bak huset sitt har de en fin hage. (Hinter wem/was hat das Subjekt etwas? → eigenes Haus)

Foreldrene leker med barna sine. (Mit wem/was spielt das Subjekt? → eigene Kinder)

b) Nein → hans/hennes/deres

→ Geschlecht und Anzahl richten sich nach seinem Besitzer:

gehört einem Mann* = hans

gehört einer Frau* = hennes

gehört mehreren = deres

 

Beispiele:

 

Svein har en ny bil. Ola liker bilen hans. (Ola = Subjekt, wen/was mag er? NICHT das eigene Auto, sondern Sveins)

Ola er gift med Line. I dag går han på kino med venninna hennes. (han = Subjekt, mit wem/was geht er? NICHT mit der eigenen Freundin, sondern mit Lines)

De er på besøk hos familien Andersen. De parkerer bilen foran huset deres. (de = Subjekt, vor wem/was parken sie? NICHT vor dem eigenen Haus, sondern vor Andersens.)

Was sagt ihr? Eigentlich ganz einfach, oder?

Natürlich gibt es in fortgeschrittenen Satzgebilden aber noch einige Hürden, über die man als Anfänger aber erst einmal noch nicht nachdenkt. Wer indes gern nachdenkt, darf noch weiter lesen. :-)

Herausforderungen:

I) Nicht immer sofort ist jedem Sprecher/Schreiber klar, wo ein Satz aufhört und ein neuer – mit einem neuen Subjekt – anfängt. Denn auch bei Nebensätzen gelten natürlich die obigen Regeln. Wenn z. B. ein Teil mit „at“, „fordi“, „om“, „hvis“, „som“ usw. auftaucht, hat der eventuell ein anderes Subjekt als der vorangegangene Hauptsatz!

 

Beispiele:

 

Line var sur fordi mannen hennes ikke ville gå på kino med henne.

→ Zwar handelt es sich um Lines eigenen Mann, doch ist „Line“ nur im Hauptsatz („Line var sur“) das Subjekt. Im anschließenden Nebensatz („weil …“) ist „mannen hennes“ selbst das Subjekt, und dort steht NIE eine sin-Form (s. oben, Fall 1.)

 

Svein visste ikke at Ola var på kino med kona si / kona hans.

→ Auch hier ist das Subjekt im Hauptsatz (Svein) ein anderes als im at-Nebensatz (Ola). Die Frage ist also, ob das Objekt in diesem Nebensatz („kona“) zum dortigen Subjekt Ola gehört: ja → kona si (Fall 2.a) / nein → kona hans (Fall 2.b), s. oben. Sie könnte dann z. B. Svein gehören. Huiuiui. ;-)

 

 

II) Auch das eigentlich inhaltsleere Wort „det“ („es“) kann das Subjekt sein, und dem gehört das Objekt in aller Regel nicht.

 

Beispiel:

 

Familien Andersen har kjøpt hus med stor hage. Det er spesielt flott for barna deres.

→ Natürlich sind es Andersens eigene Kinder, doch „familien Andersen“ ist nur im ersten Satz das Subjekt. Im zweiten ist es „det“, und dem gehören die Kinder nicht! (s. oben, Fall 2.b)

 

 

III) Außerdem muss man deutlich zwischen kleinen Wörtern wie „og“ (Konjunktion) und „med“ (Präposition) unterscheiden.

 

Beispiel:

 

På benken sitter Ola og Line. = På benken sitter Ola og kona hans.

→ Der gesamte Ausdruck „Ola og kona hans“ IST das Subjekt (wer tut etwas?), und dort steht NIEMALS eine „sin“-Form! (s. oben, Fall 1.)

 

Aber:

 

På benken sitter Ola med Line. = På benken sitter Ola med kona si.

→ Das Subjekt hier ist nur „Ola“, die Frau hingegen ist das Objekt (mit wem oder was sitzt er?). Hier folgt die Überlegung, ob es seine eigene Frau ist (= si, Fall 2.a) oder die eines anderen (= hans, Fall 2.b).

 

 

IV) Achtung, es gibt auch sehr knubbelige Anhäufungen von Possessivpronomen, die man erstmal langsam auseinanderdröseln muss!

 

Beispiel (kein schöner Satz, taugt wirklich nur als Extrem):

 

Hege leker ofte i hagen med mange venner. Mora hennes er veldig glad i dattera si og vennene hennes

→ „mora hennes“ = IST das Subjekt (Fall 1.)

→ „dattera si“ = gehört dem Subjekt (Fall 2.a)

→ „vennene hennes“ = gehören nicht dem Subjekt, sondern der Tochter Hege (Fall 2.b)

 

 

Das war das Wichtigste! Was meint ihr - machbar, oder?

 

 

* Seit Jahren wird versucht, das geschlechtsneutrale Pronomen „hen“ mit der hier für dieses Thema wichtigen Possessivform „hens“ in der norwegischen Sprache zu etablieren. Es kann sowohl verwendet werden für Transpersonen oder Menschen, die sich keinem oder beiden Geschlechtern zugehörig fühlen, als auch, um das umständliche „han/hun“ oder das unpersönliche „man“ zu vermeiden, wenn alle Menschen angesprochen sind oder man das Geschlecht im Einzelfall nicht kennt. Mehr Infos s. https://www.naob.no/ordbok/hen_2.

Ich freue mich über diese sprachliche Möglichkeit und jeden, der es verwendet, diskutiere das auch im Unterricht gern, aber für die Standardregeln, die hier vorgestellt werden, lasse ich es aus. Vielleicht schreibe ich aber irgendwann einen Blogartikel darüber.

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Kommentare: 4
  • #1

    Espen Askeladd (Montag, 13 August 2018)

    Hei alle sammen!
    Du finns detaljerte og kanskje litt akademiske informasjon om dette "problem" på tysk her:
    https://www.duo.uio.no/bitstream/handle/10852/34190/bie-lorentzen_master.pdf?sequence=2&isAllowed=y

    Tittelen er "Possessiva als Lernproblem Norwegisch-Deutsch/Deutsch-Norwegisch" og det er en Masterarbeit om temaet.

    Med venlige hilsen
    Espen

  • #2

    Catharina (Montag, 13 August 2018 18:15)

    Hei Espen, tusen takk for kommentaren og dokument-tipset!

  • #3

    Steve (Mittwoch, 03 Oktober 2018 13:51)

    Eine sehr schöne und übersichtliche Darstellung der Zusammenhänge. Als i-Tüpfelchen würde ich mir eine komplette Gegenüberstellung der Beispielsätze auf Deutsch und Norwegisch wünschen. Mir fehlten beim Durchlesen nämlich einige der Vokabeln, sodass ich die Beispiele und damit das Prinzip nicht vollständig verstanden habe.

  • #4

    Catharina (Mittwoch, 03 Oktober 2018 15:59)

    Hei Steve, danke für deinen Kommentar. Mein Gedanke war, die Übersetzungen eben der Übersichtlichkeit halber wegzulassen, da die Vokabeln in dem "Lernstadium", in dem die Possessivprononen thematisiert werden, bekannt sein müssten. Ich schau aber mal, ob ich das noch ändern kann, ohne dass es zu wuselig wird.